Welche Personengruppen (Kollektive) darf man beleidigen – und welche nicht (§§ 130, 185 StGB)?

Das Opfer einer Volksverhetzung ist ein “Teil der Bevölkerung” bzw. bei der Beleidigung ein „anderer”. Ein solcher “anderer” kann ein einzelner Mensch sein, wenn z.B. gesagt wird: „Herr Meier ist ein Schwein”. In diesem Falle ist Herr Meier der „andere”, das Opfer der Beleidigung.

Ein „anderer” kann aber auch eine Mehrheit von Menschen sein, ein Kollektiv, wenn z.B. gesagt wird: „Die X-Partei betreibt eine verräterische Politik” oder „Die Patentanwälte sind alle Schweine”. Solche Personenmehrheiten oder Kollektive sind nur dann „andere” und damit beleidigungsfähig, wenn sie entweder einen verhältnismäßig kleinen, überschaubaren, deutlich umgrenzten und aus der Allgemeinheit hervortretenden Kreis von Menschen bilden, oder wenn es sich um eine Personengemeinschaft handelt, die eine rechtlich anerkannte, gesellschaftliche Aufgabe erfüllt und einen einheitlichen Willen bilden kann.

Die Rechtsprechung hat u.a. die folgenden Mehrheiten von Menschen als Teile der Bevölkerung iSd § 130 StGB bzw. als beleidigungsfähig iSd § 185 StGB angesehen, – unterlassen Sie daher Angriffe auf sie:

  • die aktiven Soldaten und die Reservisten der Bundeswehr (BGH, Urteil vom 19.01.1989, Az. 1 StR 641/88, zu finden in NJW 1989, 1365 ff. und BayObLG, Urteil vom 16.11.1990, Az. Rreg 1 St 228/89, zu finden in NJW 1991, 1493 und OLG Frankfurt/Main, Urteil vom 02.12.1988, Az. 1 Ss 27/88, zu finden in NJW 1989, 1367 ff.),
  • die Bundeswehr (OLG Frankfurt/Main aaO),
  • die GSG 9 (=Grenzschutztruppe 9 des Bundesgrenzschutzes) (OLG Hamm, Urteil vom 24.09.1980, Az. 4 Ss 1410/80, zu finden in MDR 1981, 336),
  • die Richter des Bundesverfassungsgerichtes (BGH, Urteil vom 22.09.1953, Az. 5 StR 213/53, zu finden in NJW 1953, 722),
  • die bayerischen Minister (BGH, Urteil vom 18.02.1964, Az. 1 StR 572/63, zu finden in BGHSt 19, 235),
  • die Fraktionsmitglieder einer Partei einer Stadt (BGH, Urteil vom 08.12.1959, Az. 2 StR 486/59, zu finden in BGHSt 14, 48),
  • eine bestimmte Partei, – entschieden wurde über einen Unterbezirk der SPD – (OLG Düsseldorf, Urteil vom 08.03.1979, Az. 5 Ss 5/79, zu finden in MDR 1979, 692),
  • die Gewerkschaften, – entschieden wurde über die Postgewerkschaft (BGH, Urteil vom 18.05.1971, Az. IV ZR 220/69, zu finden in NJW 1971, 1655),
  • eine bestimmte Bank (OLG Köln, Urteil vom 20.02.1979, Az. 1 Ss 69/79, zu finden in NJW 1979, 1723),
  • die Spitze der Großbanken (OLG Hamm, Urteil vom 07.06.1979, Az. 6 Ss 253/79, zu finden in Der Betrieb 1980, 1215),
  • die Kommunisten, die in Deutschland leben (BGH, Urteil vom 03.04.2008, Az. 3 StR 394/07),
  • die Punker, die in Deutschland leben (BGH, Urteil vom 03.04.2008, Az. 3 StR 394/07),
  • die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus (BGH, Urteil vom 08.05.1952, Az. 5 StR 182/52, zu finden in NJW 1952, 1183 und BGH, Urteil vom 06.05.1958, Az. 5 StR 14/58, zu finden in BGHSt 11, 329 ff.),
  • die Juden, die in Deutschland leben (BGH, Urteil vom 28.02.1958, Az. 1 StR 387/57, zu finden in BGHSt 11,207),
  • das Weltjudentum (LG Braunschweig, Urteil vom 24.10.1996, Az. 701 Js 53009/95),
  • die Freimaurer (LG Braunschweig aaO),
  • die Ausländer, die in Deutschland leben (OLG Hamburg, Urteil vom 18.06.1980, Az. 1 Ss 37/80, zu finden in MDR 1981, 70),
  • die spanischen Gastarbeiter, die in Deutschland leben (OLG Celle, Urteil vom 16.07.1970, Az. 1 Ss 114/70, zu finden in NJW 1970, 2257 f.),
  • die Neger, die in Deutschland leben (OLG Hamburg, Urteil vom 18.02.1975, Az. 2 Ss 299/74, zu finden in NJW 1975, 1087 f.),
  • die Asylbewerber, die in Deutschland leben und keinen Anspruch auf Asyl haben (OLG Düsseldorf, Beschluß vom 19.04.1995, Az. 5 Ss 80/95-47/95, zu finden in MDR 1995, 948).

Umstritten ist es, ob die folgende Personengruppe beleidigungsfähig ist oder nicht, – unterlassen Sie daher sicherheitshalber Angriffe gegen sie :

  • die Polizei.

Die Rechtsprechung hat die folgenden Mehrheiten von Menschen nicht als beleidigungsfähig bzw. als Teile der Bevölkerung angesehen, – volksverhetzende und ehrkränkende Äußerungen gegen sie sind also erlaubt:

  • die Deutschen (StA Nürnberg-Fürth, Vfg. vom 08.03.1995, Az. 402 Js 32830/95 und StA München I, Vfg. vom 11.03.1997, Az. 112 Js 10111/97),
  • die Frauen in Deutschland (LG Hamburg, Urteil vom 26.07.1978, Az. 74 O 235/78, zu finden in NJW 1980, 56),
  • die Homosexuellen (LG Münster, Beschluß vom 28.05.2001, Az. 8 Qs 21/01),
  • die ehemaligen Soldaten der Bundeswehr (BGH, Urteil vom 19.01.1989, Az. 1 StR 641/88, zu finden in NJW 1989, 1365),
  • die ehemaligen Soldaten der Wehrmacht, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht haben (StA Tübingen, Vfg. vom 01.09.1995, Az. 15 Js 5925/95 und StA Hamburg, Verfügung vom 09.05.1996, Az. 141 Js 200/95),
  • die Akademiker in Deutschland (BGH, Urteil vom 28.02.1958, Az. 1 StR 387/57, zu finden in BGHSt 11, 207, 209),
  • die Richter eines bestimmten Gerichtes, – zu entscheiden war über die 200 Richter des Kriminalgerichts in Berlin-Moabit (KG, Urteil vom 30.03.1978, Az. (2) Ss 54/78 (13/78), zu finden in JR 1978, 422),
  • die aktiv an der Entnazifizierung Beteiligten (BGH, Urteil vom 23.11.1951, Az. 2 StR 612/51, zu finden in NJW 1952, 392),
  • die Christen in Deutschland (LG Köln, Beschluß vom 29.04.1982, Az. 105 Qs 109 und 117/82, zu finden in MDR 1982, 771),
  • die Katholiken in Deutschland (siehe Akademiker),
  • die Protestanten in Deutschland (siehe Akademiker),
  • die Zionisten in Deutschland (LG Essen, Urteil vom 31.08.1981, Az. 25 Qs 31/81),
  • die „Linken“ oder „Roten“ in Deutschland (BGH, Urteil vom 03.04.2008, Az. 3 StR 394/07), - 54D08 = 58D08 -,
  • die Antifa bzw. die Antifaschisten in Deutschland (BGH, Urteil vom 03.04.2008, Az. 3 StR 394/07),
  • die Rechtsradikalen, “Braunen”, Skinheads und Neonazis (StA Hamburg, Vfg. Vom 22.01.1993, Az. 141 Js 747/92 und StA Hamburg, Vfg. vom 27.10.2000, Az. 7101 Js 512/00),
  • das antideutsche Pack (AG Berleburg, Urteil vom 15.08.1997, Az. 4 Ds 45 Js 44/97),
  • die Feinde Deutschlands (AG Berleburg, aaO),
  • die Dritte Welt (BayObLG, Beschluß vom 22.03.1990, Az. Rreg 5 St 136/89 zu finden in NJW 1990, 2479 f.).

Nur am Rande sei noch folgendes erwähnt: Wegen Beleidigung kommt es nur dann zu einer Verurteilung, wenn der Beleidigte gemäß § 194 I StGB einen Strafantrag stellt. Fehlt dieser, kommt es zu einem Freispruch, auch wenn tatsächlich eine Beleidigung vorliegt. Man sollte sich aber nicht auf das Fehlen eines Strafantrages verlassen, weil dies nicht vorherzusehen oder zu beeinflussen ist.

Von diesem Grundsatz machen die Beleidigungen eine Ausnahme, die gegen Angehörigen einer Gruppe verübt worden sind, die unter der nationalsozialistischen oder einer anderen Gewalt-oder Willkürherrschaft verfolgt wurden. Gemeint sind hier vor allem die Juden. Bei Beleidigungen gegen sie ist also das Vorliegen eines Strafantrages nicht erforderlich. Auch ohne einen solchen kommt es zu einem Strafverfahren und zu einer Verurteilung.

 

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